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08.11.2008 von 14 - 19 Uhr
Besichtigen Essen Denken.
Wie lautet der Name der griechischen Göttin der Landwirtschaft und der Fruchtbarkeit?

Von Hans Bonneval / Fotos Ulrike Nadler.
Die natürliche Formensprache der Pflanzen und ihrer Früchte kann ihre Vielfalt offenbaren, sobald man sich die Mühe macht, die Früchte, die man zu essen beabsichtigt, sorgsam und gleichmäßig auseinanderzuschneiden und vor sich auszubreiten. Schon bald werden Ähnlichkeiten mit menschlichen oder tierischen Formen, z. B. Gesichtszügen erkennbar.
Die hier gezeigten Beispiele machen deutlich, wie verwandt die Formen der Natur einander sind. Die Scheiben einer Clementine sind den Lippen des menschlichen Mundes schon recht ähnlich. Auch die Augen lassen sich gut damit andeuten. Die halbierte Weitraube ähnelt dem Augapfel, wie er aus Wimpern hervorschaut. Mit Pinien- oder Kürbiskernen lassen sich Zähne hervorragend andeuten, mit Apfelscheiben Ohren, mit Ananas-Stücken Haare bzw. Frisuren. Und in dieser Art kann man viele, z. T. recht lustig anzuschauende Ähnlichkeiten finden, aber auch sehr ästhetische Muster.
Wenn man sich also vor dem Verzehr des Obstes die Zeit nimmt, um Muster, Figuren oder Gesichter daraus zu gestalten, dann bringt man seinen kreativen Sinn in Bewegung. Das würde nicht nur den Kindern helfen bei ihrer Entwicklung, sondern ihnen vermutlich mehr Spaß machen, sich mit Obst zu beschäftigen und vielleicht auch, es lieber zu essen.
Rudolf Steiner führt aus, daß zum Spielen für Kinder z. B. eine primitiv gestaltete Stoffpuppe wertvoller ist als jede naturähnliche Nachbildung, daß einfache Bauklötze aus Holz hilfreicher sind als jedes naturgetreue Modellhaus. Denn naturgetreue Nachbildungen regen in keiner Weise das Vorstellungsvermögen des Menschen an, was besonders bei Kindern von großer Wichtigkeit, für Erwachsene aber deshalb nicht gleich uninteressant ist. Denn was uns in der Gegenwart am meisten fehlt, ist die Fähigkeit, denkerisch kreativ bzw. schöpferisch zu sein.
Die gesamte Kultur der Gegenwart versucht unter dem Vorwand der Vereinfachung, dem Menschen das produktive, gestaltende, konstruierende, also schöpferische Individuelle zu ersetzen. Den kommerziellen Betreibern der Gegenwartskultur wäre es am liebsten, wenn wir alle gleich wären, wenn wir dasselbe essen, trinken, sehen, lesen, hören usw. würden. In der Arbeitswelt haben wir immer weniger die Möglichkeit, unseren Bereich individuell zu gestalten. Programme legen jeden "Handgriff" fest. Und am Feierabend, am Wochenende, im Urlaub? Wie gesagt: Programme legen jede Seelenregung fest.
Überspitzt formuliert könnte man sagen, die Individualität des Gegenwartsmenschen beschränkt sich auf die Auswahl der Programme, mit der Folge, daß dieser rudimentäre Mensch manipulierbar wird weil er seinen Willen nicht zu gebrauchen lernt. Die Folge ist auch, daß der willensgeschwächte Mensch krank wird an Seele und Leib. Warum? Weil der Mensch veranlagt und dazu bestimmt ist, durch das Erkennen der Welt selbst Willensimpulse auszubilden. Er soll tun, was er als richtig bzw. wahr erkennt und nicht bloß Programme auswählen.
Ein Mensch ohne Wille ist wie eine Pflanze ohne Wärme. Er wird krank. Dagegen hat Rudolf Steiner die Anthroposophie in die Welt zu stellen versucht, in der Hoffnung, daß es wenigstens einem Teil der Menschen gelingen möge, ihre Individualität vor dem Untergang zu bewahren, indem sie schöpferisch werden und sich nicht alles fertig vorsetzen lassen.
Auch wenn das Obst-Legen nicht mit der Schaffung großer Kunstwerke verglichen werden kann, so ist es doch eine sehr gute Methode gerade für jene Menschen, die ihre Kunstfertigkeiten nur wenig ausgebildet haben, zu beeindruckenden Resultaten zu kommen. Gerade wer nicht gut zeichnen oder malen kann, hat hier die Chance, sich mit nur geringem Zeitaufwand in den so wertvollen schöpferischen Zustand des Denkens zu bringen.
Man unterschätze dies nicht mit mildem Lächeln und ordne es als Spielerei ein. Die schöpferische Haltung, das Ideen-Haben aus der Frage heraus, ist die wahre Heilung, Stärkung, Verjüngung für den Menschen. Nicht das Wissen, nicht die gespeicherten Antworten heilen den Menschen, sondern die Fragen, in die man sich hineinlebt, ohne sie selbst beantworten zu wollen.
Die Antwort soll als Einfall erscheinen und nicht aus Spekulation oder Kombination entstehen. Ich frage und warte auf Antwort. Ich pflege die Fragen. Das ist Goetheanismus, wie Steiner es nannte. Und so hat auch das lustige Obst-Fratzen-Legen in der richtigen Betrachtung einen tief ernsten Hintergrund, der den Spaß und die Freude nicht verdrängen soll, sondern ihnen ihre Würde gibt.
Dieser Artikel erschien in Ausgabe 7 (April 2007) der Zeitschrift
"ProSophia Beiträge zum Weltverständnis".
Die ProSophia wird nicht verkauft, sondern zunächst kostenlos abgegeben, allerdings in der Hoffnung, daß sich Menschen finden, welche diese Arbeit finanziell unterstützen wollen. Alle Beteiligten arbeiten ohne Honorar. Wer die Möglichkeit hat, mehrere Exemplare der ProSophia zur Mitnahme auszulegen, z. B. im Bio-Laden, in der anthroposophischen Arztpraxis, in Waldorfschule oder -Kindergarten, der bestelle die entsprechende Anzahl bei uns. Wir liefern sie kostenlos, verbunden mit der erwähnten Hoffnung, daß zufriedene Leser bereit sind, die Finanzierung zu übernehmen.
Kontakt: Hans Bonneval, Riester Straße 12, 29553 Bienenbüttel.
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